Abschied nehmen von einer 4. Klasse in Zeiten häuslichen Lernens Empfehlung

Anna Zaubitzer von der Grundschule St. Antonius erzählt aus ihrem Alltag. Sie ist Klassenlehrerin einer 4. Klasse, in der sie auch das Fach Religion unterrichtet. Außerdem ist sie an ihrer Schule die Beauftragte für Schulpastoral.

 

Wie ist das, Klassenlehrerin einer 4. Klasse zu sein und zu hören, dass vor Ende des Schuljahres kein geregelter Unterricht mehr stattfinden wird?

Das Thema „Abschied nehmen“ hatte ich schon vor den Märzferien aufgegriffen. Gemeinsam wollten wir an einer „Abschiedszeitung“ schreiben. Ich hatte verabredet, die Beiträge per E-Mail zu sammeln. Eine Mutter hatte sich schon bereit erklärt, alle Texte zu layouten. Das ist natürlich großartig, weil dieses Projekt im Hintergrund einfach weiter läuft. Die Schülerinnen und Schüler können auch einen „Brief an sich selber“ schreiben. Ich bewahre alle Briefe auf und versende sie im Laufe des nächsten Schuljahres, wenn alle verschiedene weiterführende Schulen besuchen.

Aber nicht alle Vorhaben, die ich aus den vorangegangenen Jahrgängen kenne, sind umsetzbar: An unserer Schule sind die Viertklässler Paten der Vorschüler_innen. Diese verabschieden zum Ende des Schuljahres die Großen in einem Gottesdienst. Nun planen wir diesen Abschied per Video durchzuführen. Der große Abschiedsgottesdienst mit der gesamten Schule wird nicht stattfinden können. Vielleicht wird es wenigstens möglich sein, dass jede 4. Klasse für sich einen Gottesdienst feiert. Der Kaplan kann von vorn den Segen sprechen, anstatt wie gewohnt, alle einzeln zu segnen. Der Gottesdienst könnte auch im Stadtpark gefeiert werden. Statt eines Abschlussfestes möchte ich dann im Herbst ein erstes Klassentreffen als  „Wiedersehensfest“ feiern.

Steht das Fach Religion in dieser Zeit auf dem Stundenplan?

Das Fach steht anders als sonst auf dem Plan. Ein bisschen vermischt sich jetzt nämlich meine Unterrichtsplanung mit meiner Aufgabe als Beauftragte für Schulpastoral. In Telefonaten mit meinen Schülerinnen und Schülern habe ich viel zugehört. Einige haben ihre Ängste formuliert. Zu Ostern haben alle Kinder von mir einen Ostergruß per Post erhalten, in dem  ich Trost spenden und sie ermutigen konnte. Unsere Referendarin hat die Ostergeschichte als Bilderbuchkino gestaltet und mit Aufgaben ins Netz gestellt. Das gesamte Kollegium konnte den Link an die Schüler_innen weiter geben. Diese „Hausaufgabe“ ist gut angekommen. Es gab viele dankbare Rückmeldungen von den Eltern. In der Fastenzeit wurden auch die kurzen Familienandachten gern angenommen, die unsere Gemeindereferentin gestaltet hat und die zu Hause durchgeführt werden konnten.

Jetzt arbeite ich fächerübergreifend an der Ganzschrift „An der Arche um acht“. Die Textarbeit gehört in den Deutschunterricht. Der Inhalt bietet sich an, ihn mit religiösen Fragestellungen zu vertiefen. Dabei geht es um unterschiedliche Gottesvorstellungen. Die Kinder können aber auch ihre Erfahrungen, die sie in der häuslichen Isolierung machen, einbringen und verarbeiten.

Gibt es auch etwas Beunruhigendes in dieser Zeit?

Mit den Kindern in Beziehung zu treten, ist schwer. Im gewohnten Schulalltag interagieren wir ständig. Wir sind eine Gemeinschaft, pflegen Rituale, der Vormittag ist rhythmisiert und hat Struktur. Das findet im Moment nicht statt. Schlimme Ereignisse kann ich nicht auffangen, auf Fragen der Kinder nicht spontan reagieren. Eine Reaktion kommt immer zeitverzögert. Distanz und Ängste sind schwer über Telefon auszuhalten.

Gestern kam die Hälfte der Klasse  zum ersten Mal wieder in die Schule. Eltern und Kinder waren aufgeregt wie bei der Einschulung. Sehr schnell habe ich gemerkt, was mir und wahrscheinlich auch den Kindern gefehlt hat: Die spontane Reaktion auf ihre Fragen und der gemeinsame Austausch darüber.

Mich besorgt auch jetzt schon, wie ich im neuen Schuljahr die Erstklässler zu einer Gemeinschaft zusammenführen soll und wie sie mit mir im Wechsel von Präsenzzeit und „Homeschooling“ Lesen und Rechnen lernen können.