Kompetenzorientiert Religion unterrichten

Der katholische Religionsunterricht trägt mit seinen drei großen Zielen wesentlich zur Bildung der Schülerinnen und Schüler bei. Er vermittelt strukturiertes Wissen über den katholischen Glauben, macht vertraut mit Formen des gelebten Glaubens und schafft dadurch und durch den Blick auf andere Religionen die Voraussetzung dafür, dass Schülerinnen und Schüler Toleranz zeigen und sich ein eigenes Urteil bilden können.

 

Wird Religionsunterricht kompetenzorientiert geplant, kann davon ausgegangen werden, dass die Lernenden die genannten Ziele nicht als träges religiöses Wissen aufnehmen, sondern als Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einstellungen, die ihnen helfen, religiöse Fragestellungen und Probleme zu lösen, mit denen sie konfrontiert werden.

 

Vom Input zum Output

Durch Kompetenzorientierung geschieht im Religionsunterricht nicht etwas grundlegend Neues. Allerdings verschiebt sich der Schwerpunkt der Unterrichtsplanung: Weg von den Inhalten, hin zu den Anforderungen, die Schülerinnen und Schüler in ihrem Leben bewältigen müssen. Seit die Ergebnisse der PISA-Studien gezeigt haben, dass unsere Schülerinnen und Schülern trotz ihres Wissens nicht in der Lage sind, Problemstellungen unterschiedlicher Art zu bewältigen, liegt der Hauptaugenmerk nicht auf dem Input, sondern auf dem Output, also darauf, was Schülerinnen und Schüler am Ende des Unterrichts Neues gelernt haben sollen.

Das heißt nicht, dass die Inhalte des Religionsunterrichts beliebig werden. Natürlich geht es immer noch um die Gegenstandbereiche Mensch und Welt, Gott, Jesus Christus, Bibel und Tradition, Kirche und andere Religionen und Weltanschauungen. Denn Kompetenzen können nur an Inhalten erworben werden.

Schon früh haben die deutschen Bischöfe Richtlinien zu den Bildungsstandards herausgegeben und damit einen Rahmen abgesteckt, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler am Ende der Grundschulzeit, am Ende von Sekundarstufe I und schließlich am Ende von Sekundarstufe II erreicht haben sollen.

Den allgemeinen religiösen Kompetenzen mit den Bereichen „Wahrnehmen und Entdecken“, „Deuten und Gestalten“, „Fragen stellen und bedenken“, „Unterscheiden und bewerten“ und „Anteil nehmen und Verantwortung übernehmen“[1] sind inhaltliche Kompetenzen zugeordnet, die sich aus den oben genannten Gegenstandsbereichen ergeben.

Diese inhaltlichen Kompetenzen umfassen, ganz nach dem Kompetenzbegriff von Klieme[2], alle Fähigkeiten, Fertigkeiten und die Bereitschaften, die eine Schülerin oder ein Schüler hat bzw. erwerben kann, um bestimmte Probleme zu lösen.

Die Kompetenzen betreffen also das Können, wenn Schülerinnen und Schüler in der Grundschule z.B. Gründe für und wider den Glauben an Gott abwägen.

Sie betreffen das Wollen, wenn Schülerinnen und Schüler die Frage stellen „Woher kommt die Welt?“ und sie betreffen auch immer noch das Wissen, wenn Schülerinnen und Schüler Antworten der Bibel und der Naturwissenschaften zum Ursprung der Welt bedenken.

 

Unterrichtsplanung

Konsequente Kompetenzorientierung bedeutet nun, dass der Unterricht so geplant werden muss, dass Schülerinnen und Schüler die Kompetenz, die als Ziel der Lernsequenz angestrebt wird, auch erreichen können.

Hilbert Meyer[3] nennt 6 Bausteine, die der Unterrichtsplanung zugrunde liegen müssen, wenn Kompetenzen erreicht werden sollen.

1. Lebensweltliche Anwendung: Die Inhalte haben Relevanz für die Schülerinnen und Schüler, sodass sie in jeder Phase des Unterrichts ihr Wissen und ihr Können in realitätsnahen Anwendungen erproben können.

Ich achte darauf, dass sich das Stundenthema oder die Stundenfrage direkt auf die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler bezieht, z.B. Betrachte dein Leben und erzähle davon in einem Bild von einem Weg.

2. Wissensvernetzung: Schülerinnen und Schüler wissen, dass sie ihr Wissen immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen nutzen und anwenden können. Deshalb animiere ich die Schülerinnen und Schüler zu Beginn einer neuen Fragestellung immer, ihr Wissen zu einem Thema zu sammeln oder lasse sie z.B. zum Ende der Lernsequenz das Lerntagebuch führen.

3.Kognitive Aktivierung: Schülerinnen und Schülern wird eine echte Problemstellung dargeboten. Sie werden auf allen drei Denkstufen angeregt, diese durch Überlegen, Abwägen, Argumentieren, Erfinden oder Experimentieren zu lösen.

Ich achte darauf, dass Schülerinnen und Schüler auf verschiedenen Denkebenen angeregt werden das Wissen zu verarbeiten. Sie fassen Texte zusammen, vergleichen, begründen, spekulieren und ziehen Schlüsse, z.B. wiederholen sie nach dem Hören einer Geschichte den Inhalt, ordnen dem Text Bilder in richtiger Reihenfolge zu oder setzen die Geschichte fort.

4.Individuelle Lernbegleitung: Lehrkräfte haben eine ausreichende Diagnosekompetenz, um die Lernausgangslage der Schülerinnen und Schüler zu erfassen und von da aus passende Lernangebote zu planen. Als Religionslehrkraft habe ich im Blick, was meine Schülerinnen und Schüler können müssen, um mit dem Lernstoff arbeiten zu können. Ich sammle vorab Informationen darüber, welche Schülerinnen und Schüler in meiner Lerngruppe eine Lese- oder Schreibschwäche oder eine Konzentrationsschwäche haben, mit wem sie zusammen arbeiten können oder nicht oder ob sie eine besondere Stärke haben.

5. Üben und Überarbeitung: Schülerinnen und Schüler bekommen eine zuverlässige Rückmeldung über das, was sie getan haben und überarbeiten ihre Ergebnisse. Ich begleite sie bei ihren Aufgaben und gebe ihnen gezielte Rückmeldung darüber, was sie gut gemacht haben und was sie noch verbessern müssen. So gebe ich z.B. eine Rückmeldung auf die Wirkung, wenn die Schülerinnen und Schüler ihr Ergebnis im Standbild präsentieren oder einen Vortrag gehalten haben und erkläre, was gut war und was beim nächsten Mal anders sein müsste.

6. Metakognition: Schülerinnen und Schüler zeigen Interesse am Lernstoff, ihnen wird transparent gemacht, wofür sie den neuen Stoff lernen und sie wissen, wie sie am besten lernen und dass sie ihre Aufgaben kontrollieren müssen. Ich mache den Schülerinnen und Schüler zu Beginn der Stunde transparent, was sie Neues lernen. Das kann in einer Stundenfrage geschehen: Wie kann ich über Gott sprechen? Am Ende der Lernsequenz formulieren sie, was sie Neues gelernt haben: Das haben andere von Gott erzählt: … Das möchte ich mir über Gott merken: …

 

Die didaktische Route

Zur Planung kompetenzorientierten Unterrichts eignet sich die didaktische Route. Kerstin Tschekan[4] beschreibt die didaktische Route als ein Planungsinstrument, das konsequent Information oder Praxis auf das subjektive Konzept der Schülerinnen und Schüler zurückführt. Darunter versteht Tschekan folgende Vorgehensweisen, die bei der Planung von Unterricht mitbedacht werden:

Vor jeder Information haben Schülerinnen und Schüler Gelegenheit sich für das Thema zu öffnen, indem sie aufgefordert werden, sich über einen Begriff auszutauschen oder Vorwissen zu einem Thema zu sammeln. Sie öffnen ihr subjektives Konzept. Nach jedem Input haben Schülerinnen und Schüler Zeit, das Neue zu verarbeiten, indem sie das Gehörte wiederholen, mit etwas Bekanntem vergleichen oder Fragen beantworten. Sie verarbeiten das Gelernte im subjektiven Konzept.

Im Praxisteil einer Lernsequenz üben Schülerinnen und Schüler nicht nur das Gelernte, sondern werden angeregt, den Stoff in einem neuen Zusammenhang anzuwenden. Nach dem Tun reflektieren sie dann in Bezug auf ihr subjektives Konzept, was sie gut gemacht haben und was sie noch wissen müssen, um das Problem weiter lösen zu können. Wenn Lehrkräfte sich angewöhnen, ihren Unterricht auf diesem Wege zu planen, verlieren sie die Bausteine der Kompetenzorientierung nicht aus dem Blick.

Der geregelte Rückbezug auf das subjektive Konzept impliziert die Aspekte „Wissensvernetzung“ („Was weiß ich hier zu schon?“), „Individuelle Lernbegleitung“ (Was kann ich schon? Wobei brauche ich Hilfe?), „Üben und Überarbeitung?“ („Was habe ich heute gut gemacht? Was mache ich beim nächsten Mal anders?“) und „Metakognition“ (Was habe ich heute Neues gelernt? Wozu brauche ich das?“) der Kompetenzorientierung.

Der Aspekt der „kognitiven Aktivierung“ muss besonders für die Phase der Verarbeitung im subjektiven Konzept durchdacht werden. Hier müssen Schülerinnen und Schüler immer wieder ihrem Niveau entsprechend angeregt werden, auf verschiedenen Denkstufen den neuen Lernstoff zu verarbeiten.

Der Aspekt der „lebensweltlichen Anwendung“, den ich jetzt zuletzt nenne, ist der erste der Planungsschritt. Denn die Planung sollte immer von den Anforderungen der Schülerinnen und Schüler ausgehen, die an sie gestellt werden. Wenn ich diese Anforderung im Kopf habe, weiß ich auch, welche Kompetenz Ziel der Lernsequenz sein muss.

 

Beispiel für die Planung einer einzelnen Lernsequenz einer kompetenzorientierten Unterrichtseinheit

Anforderung: Gibt es einen Gott und wie kann ich mit anderen über Gott sprechen?

Thema einer Unterrichtseinheit in Klasse 3-6 ist „Mit anderen über Gott sprechen“. Eine Lernsequenz dieser Einheit mit dem Schwerpunkt Tun befasst sich mit Frage: Ich und Gott? (s. Tabelle). In einer folgende Sequenz mit dem Schwerpunkt Information könnte die Lehrkraft eine biblische Geschichte von einer Gottesbegegnung erzählen, z.B. Elija am Horeb, Moses und der Dornbusch oder Jona im Fisch.

 

Information

Subjektives Konzept

Praxis

Sich öffnen

Die Schülerinnen und Schüler wählen aus einem breiten Angebot an Gegenständen einen Gegenstand aus: „Wähle einen Gegenstand, der dir hilft, dich mit einem Partner über Gott auszutauschen.   Beginne mit Gott ist für mich wie …“, im Kugellager wechseln die Schülerinnen und Schüler mehrmals ihre Gesprächspartner.

Nach dem Austausch über Gott werden die Schülerinnen und Schüler angeregt, sich selbst und Gott auf einem Bild darzustellen.

„Zeichne zwei Linien, die blaue Linie steht für Gott, die rote für dich. Die Linien stellen entweder einen Kreis, ein Dreieck oder ein Kreuz dar.[5]

Das Bild erhält eine Überschrift wie: Gott ist für mich einer, der …

Wer mag beschreibt sein Bild oder erklärt es seinen Mitschülern.

Reflektieren:

Die Schülerinnen und Schüler notieren in ihrem Lerntagebuch oder ihrem Religionsheft, was sie Neues über Gott gehört haben (im Gespräch mit ihren Klassen-kameraden), was sie sich über Gott merken möchten und welche Fragen sie über Gott haben. Die Fragen werden an einem Plakat gesammelt und im Laufe der Einheit wieder aufgenommen.

Die Lehrkraft erzählt z.B. die biblische Geschichte von Mose und dem brennenden Dornbusch.

Verarbeiten:

Die Schülerinnen und Schüler wiederholen im Murmelgespräch, was sie gehört haben.

Schülerinnen und Schüler vervollständigen den Satz: Wenn Gott einer ist, der immer da ist, dann kann Mose …

Sie schreiben einen Dialog zwischen Mose und jemandem aus dem Volk der Israeliten.

Die Schülerinnen und Schüler bedenken, was es für sie heißt, wenn Gott einer ist, der immer da ist. Sie gestalten ein Bild, schreiben einen Text, eine Geschichte oder ein Gebet.

Die Ergebnisse werden mit einem Beobachtungsauftrag betrachtet oder gehört: Was bedeutet die Zusage Gottes „Ich bin immer da“ für die Kinder in deiner Klasse?



[1] Die deutschen Bischöfe, Kirchliche Richtlinien zu Bildungsstandards für den katholischen Religionsunterricht

in der Grundschule/ Primarstufe, Bonn 2006

[2] Klieme, 2003

[3] Hilbert Meyer, Kompetenzorientierung allein macht noch keinen guten Unterricht, Hannover 2012

[4] Kerstin Tschekan, Kompetenzorientiert unterrichten, Berlin 2011, S. 19 f.

[5] Idee nach: Rainer Oberthür, Die Symbol-Kartei, München 2012