Jüdische Friedhöfe

In der jüdischen Kultur werden Friedhöfe mit verschiedenen Begriffen benannt.Hebräisch heißt der Ort bet ha-kwarot „Haus/Ort der Gräber“ oder bet olam „Haus der Ewigkeit“. Damit wird einerseits die Dauer der Ruhe, aber auch die Erwartung der Ewigkeit angedeutet.

Mit dem Begriff bet ha-chajjim „Haus des Lebens“ wird das Wort Tod vermieden und gleichzeitig die Auferstehungshoffnung hingewiesen.Im deutschen Sprachraum war auch der Ausdruck „Guter Ort“ verbreitet.

Friedhofskultur

Das Judentum besteht seit je her auf einer Unantastbarkeit der Gräber. Die Friedhöfe galten als dauerhafte Heimat der Verstorbenen. Jüdische Gemeinden versuchten deshalb geeignete Grundstücke zu kaufen. In ländlichen Gebieten entstanden so die großen Verbandsfriedhöfe, indem sich mehrere Gemeinden zusammenschlossen und ein Stück Land erwarben, das die Bauern gern abgaben, weil es sich schlecht beackern ließ (Hügel, Sumpfwiesen). Ein jüdischer Friedhof muss wegen der Begrenzheit der Fläche eines Tages geschlossen werden. Er verliert damit jedoch keineswegs seine Funktion, den Verstorbenen ein letztes Zuhause zu geben. Ein „geschlossener“ Friedhof ist kein „ehemaliger“ Friedhof. Sein religiöser Wert ist um einiges höher als der einer Synagoge.

Jüdischer Friedhof Ilandkoppel

Anlage und Gestaltung

Ein augenfälliger Unterschied zu anderen deutschen Friedhöfen ist, dass ältere Gräber nicht individuell bepflanzt wurden, wie wir es von unseren Grabstätten kennen. Als Grund wird genannt, dass die Toten nicht mit gärenden oder säuernden Zersetzungsstoffen verunreinigt werden sollen. Deshalb wird kein Blumenschmuck am Grab hinterlassen. Eine Bepflanzung würde auch eine intensive Grabpflege nach sich ziehen. Jüdische Angehörige besuchen ihre Verstorbenen am Jahrestag des Todes am Grab. Das ist eine religiöse Pflicht. Als Zeichen des Besuchs hinterlassen sie am Grab eher ein Steinchen als Blumen.

Dies wiederum geht womöglich auf die Zeit der Urväter zurück. Die Halbnomaden mussten ihre Verstorbenen mitten auf freier Steppe beerdigen. Sie häuften Steine auf dem Grab auf, um es vor Tieren zu schützen und um es kenntlich zu machen. Diese Steinhaufen erneuerten sie, wenn sie nach langer Wanderung wieder am Grab vorbei kamen. Die Steinchen, die heutzutage hinterlassen werden, sind also ein Zeichen des Schutzes und der Erinnerung. Üblich war es die Gräber nach Osten bzw. Süden (In Richtung Jerusalem) auszurichten. Erst im 19. Jahrhundert wurden Gräber in Reihen angelegt. Ältere Friedhöfe scheinen eher zufällig oder dem Gelände angepasst angelegt zu sein. Es lassen sich auch besondere Bereiche für bestimmte Gruppen ausmachen: Herausragende Persönlichkeiten, Rabbiner lagen nahe beieinander, im Wochenbett gestorbene Mütter oder totgeborene Säuglinge wurden am Rande beigesetzt.

Das Grabmal

Ein Grabstein (hebr.: Mazewa) auf einem jüdischen Friedhof hat die Bedeutung „Kennzeichen“. Wie bereits oben beschrieben, war es in den Zeiten des Halbnomadentums wichtig, den Ort, an dem der Verstorbenen bestattet wurde, zu kennzeichnen. Aus dem einfachen Kennzeichen hat sich eine Kultur von Grabsteinen entwickelt (s. Inschriften und Symbole). An den Grabmalen lassen sich verschiedene Gemeinden des Judentums erkennen.

Die aufrecht stehende Stele lässt auf aschkenasische Juden schließen (Juden aus dem mittel- und osteuropäischen Raum), die liegenden Grabplatten bleiben eine Besonderheit der sefardischen Juden (Juden aus dem portugiesischen Raum). Seit Jahrhunderten sind im allgemeinen aufrechtete Grabsteine üblich.

Grabstein

Inschriften

Die Inschriften der Grabsteine sind zum allergrößten Teil auf Hebräisch verfasst. Erst ab dem 19. Jahrhundert findet man auch deutsche Inschriften. Teilweise sind Steine auf der Vorderseite auf Hebräisch beschriftet und auf der Rückseite auf Deutsch. Die Jahreszahlen werden selten nur nach unserer Zeitrechnung genannt. Man liest teilweise nur die Zahlen der jüdischen Zeitrechnung oder beide Zahlen nebeneinander. Der Unterschied in der Zeitrechnung beträgt 3760 Jahre. Schon die ältesten Steine weisen feste Textelemente auf:

Einleitung Und es starb

 

Lob des Verstorbenen die angesehene

 

Name Frau Pluma,

Daten Tochter des Herrn Josef,

am 11. Tag des Monats Kislev im Jahre dreizehn des

sechsten Jahrtausend.

Schlussformel Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens, Amen Amen Sela Sela

 

Symbole

Ab dem 16. Jahrhundert wurden viele Grabsteine mit Symbolen verziert. So findet man Leuchter als Anspielung auf das Fortleben der Seele, eine Sabbatlampe für eine tüchtige Hausfrau oder Tierdarstellungen, die den Vornamen des Verstorbenen illustrieren. Segnende Hände bedeuten, dass es sich bei dem Bestatteten um einen Kohanim (Priester) handelt. Das Horn zeigt, dass er noch als Schofarbläser tätig war.Grabstein mit Symbol

Brauchtum um den Friedhof

Männer und Jungen tragen nach jüdischer Sitte als Zeichen der Ehrfurcht eine Kopfbedeckung, denn der Friedhof ist ein Ort, an dem die Toten die Begegnung mit dem Allmächtigen erwarten. An jüdischen Fest- und Feiertagen bleiben Friedhöfe verschlossen. Die Beisetzung geschah in früheren Zeiten noch am Todestag, spätestens aber 2 Tage nach dem Tode. Die Toten wurden im Haus oder in der Tahara-Halle, dem Waschhaus auf dem Friedhof, gereinigt. Die Beerdigung selbst beginnt mit einer Trauerfeier in der Leichenhalle des Friedhofs, wo sich die trauernden Angehörigen und ihre Freunde einfinden. Die Begleitung des toten Angehörigen auf seinem letzten Weg gilt als religiöse Pflicht (Mizwa). Nach der Beisetzung zerreißen Männer zum Zeichen des Verlusts ein Stück Kleidung. Nach dem Besuch eines Friedhofs, wäscht man sich die Hände, weil die Nähe der Toten an diesem Ort kultisch unrein macht. Die Kohanim, die Nachfahren des Priesters Aaron, sollen nach Möglichkeit keinen Friedhof betreten und mit Leichen nach Möglichkeit nicht in Berührung kommen. An der Beisetzung eines Verwandten nehmen sie teil, halten jedoch einen Abstand von 2 bis 3m zu dem Toten.

Schild

Alle Fotos: Jüdischer Friedhof Ohlsdorf (Ilandkoppel)

 

1: M.Brocke, Chr. E.Müller: Haus des Lebens, Leipzig 2001

2: in:Religion: Heft 7/2008:Jüdisches Leben in Deutschland

3: W. Rothschild: 99 Fragen zum Judentum, Gütersloh 2001

4: F. Bedürftig: Judentum, Köln 2000

5: N.P.Levinson/F.Büchner: 77 Fragen zwischen Juden und Christen, Göttingen 2001

6: Landeszentrale für Pol. Bildung: Jüdische Stätten in Hamburg, Hamburg 1995 (vergriffen)

 

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