Mit religiösen Gegenständen andere Religionen entdecken

Durch die Brille der eigenen Religion auf andere Religionen schauen

Ein religiöses Zeugnis ist exemplarisch für Leben und Glauben der betreffenden Religion. Die Lehrkraft bringt den Gegenstand in Bezug zu der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler und setzt damit auf eingängige Weise einen Lernprozess über andere Religionen in Gang.

Beim religiösen Zeugnis kann es sich auch um ein Wort („Halleluja“), einen Klang (Muezzinruf), eine Geschichte (z.B. Biblische Geschichte) oder um eine Person (Mohammed) handeln. Wichtig ist, dass es kein Alltagsgegenstand ist, sondern etwas „Heiliges“ ausstrahlt.

 

Das von C.P. Sajak in seinem Buch „Kippa, Kelch, Koran“ beschriebene methodische Vorgehen bewirkt, dass Schülerinnen und Schüler sich mit dem religiösen Zeugnis identifizieren können, aber dann auch wieder die nötige Distanz gewinnen, um sich nicht vereinnahmen zu lassen. Damit ist gewährleistet, dass der Unterricht zwischen der Information über einen fremden Glauben und der Einübung des eigenen Glaubens trennt.

Sajak beschreibt den Ablauf des Unterrichtsprozesses in vier Phasen:

 

1. Phase der inneren Beteiligung

2. Phase der Entdeckung

3. Phase der Kontextualisierung

4. Phase der Reflexion 

Die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler wird so geweckt, dass sie auch im Inneren beteiligt sind (Innere Beteiligung).

Sie nähern sich dem Zeugnis, indem sie es eingehend betrachten (Entdeckung).

Das Zeugnis wird in einen religiösen Zusammenhang gestellt. Dadurch wird die Bedeutung des Zeugnisses für die religiöse Praxis deutlich (Kontextualisierung).

Am Ende stellen die Schülerinnen und Schüler eine Verbindung her zwischen dem Zeugnis und ihrem Leben (Reflexion).

 

Der Zugang zu den religiösen Gegenständen hat in dieser Form einen starken Bezug zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler. Deshalb können diese Lernsequenzen auch schon in Grundschulklassen durchgeführt werden. Der Input der Lehrkraft kann der Klassenstufe angepasst werden, indem Texte erzählt werden oder die Schülerinnen und Schüler sich zusätzliche Schriftstellen selbst erlesen.

Die Mesusa – Die Phase der Entdeckung

Mesusa
Mesusa

Auf ein verabredetes Zeichen hin trifft sich die Lerngruppe im Stuhlkreis.

L.: „Ich habe einen Gegenstand mitgebracht, der für Juden eine Kraft spendende Bedeutung hat. Ähnlich wie die Glücksbringer, über die ihr euch eben ausgetuscht habt, für euch haben können.

Betrachte den Gegenstand in Ruhe. Du darfst ihn auch anfassen und ihm eine Frage stellen.“ Mit diesem Impuls wird die Mesusa auf einem Tablett im Kreis herumgereicht. Die Schülerinnen und Schüler stellen Fragen, die sich die Lehrkraft auf einzelnen Karten notiert. In meinen Lerngruppen hörte ich z.B. folgende Fragen:

 Bist du immer aus Plastik?

  • Wozu hast du die kleinen Löcher an den Enden?
  • Wo gibt es dich?
  • Warum bist du hohl?
  • Was bedeutet das Zeichen?
  • Bist du immer so bunt?
  •  Die Lehrkraft sollte sich bei der Planung intensiv mit der Bedeutung der Mesusa auseinandergesetzt haben, sodass sie flexibel auf die Fragen der Schülerinnen und Schüler eingehen kann. Sie ordnet die Karten, um den kurzen Lehrerinput zu strukturieren und formuliert eine kurze Information aus der Sicht der Mesusa. Das kann dann so dargeboten werden:

Ich bin eine Mesusa, das bedeutet: Türpfosten.

Mich findet man neben Türen. Juden befestigen mich an dem Rahmen ihrer Haustür, wenn sie eine neue Wohnung beziehen. Fromme Juden befestigen mich sogar an jeder Tür in der Wohnung. Ich habe kleine Löcher an den Enden, damit man mich anschrauben kann.

Ich bin in modernen Zeiten aus Plastik und kann dann so bunt aussehen, mich gibt es aber auch aus Holz oder verschiedenen Metallen.

Ich bin immer hohl, denn in mir befindet sich ein kleines Stück Papier. Auf das Papier hat ein Schreiber mit einem Federkiel eine Bibelstelle geschrieben: „Du sollst [diese Worte] auf die Türpfosten deines Hauses und deiner Stadttore schreiben.“ – 5. Moses 6,9 und 11,20. Dieser Vers ist Teil des Glaubensbekenntnisses der Juden. Das beginnt mit „Höre, Israel“ (Schma)

Das Zeichen auf mir ist der Buchstabe „Sin“. Das ist der erste Buchstabe von dem Wort „Schaddaj““, das heißt „Allmächtiger“ auf Hebräisch.

Fromme Juden berühren mich beim Betreten des Raumes mit den Fingerspitzen der rechten Hand und führen die Finger dann an die Lippen.

Ich werde am oberen rechten Türrahmen angebracht, schräg in Richtung Raum zeigend.

Habe ich deine Frage beantwortet?

Die Gebetskette – Phase der Entdeckung

 Gebetskette
Gebetskette

Die Lehrkraft: „ Eine der Ketten, über deren Funktion ihr euch eben ausgetauscht habt, möchte ich mit euch genauer betrachten. Ich habe eben schon gehört, dass jemand von euch diese Kette schon einmal gesehen hat. Betrachte sie nun genau und stell der Kette Fragen.“

Die Lehrkraft notiert die Fragen der Schülerinnen und Schüler mit und fasst dann die Antworten in einem kurzen Input zusammen:

Ich bin eine islamische Gebetskette. Jede Perle steht für einen Gottesnamen, der auch im Koran zu finden ist. Es gibt im Koran 99 Gottesnamen. Ich habe 33 Perlen.

Meine Perlen sind aus Plastik, deshalb war ich auch nicht so teuer. Es gibt aber außer mir auch sehr kostbare Ketten mit echten Perlen in allen möglichen Farben.

Fromme Muslime berühren meine einzelnen Perlen und sprechen zu jeder Perle einen Gottesnamen. Mich muss ein Muslim dreimal hintereinander durch die Hand gleiten lassen, damit er alle Namen aufsagen kann.

Habe ich deine Frage beantwortet?

Wenn die Informationen wiederholt worden sind und Nachfragen geklärt werden konnten, begeben die Schülerinnen und Schüler sich auf ihre Plätze und zeichnen dort eine Gebetskette ins Heft und notieren Stichworte dazu. 

Die Sequenzen zur Gebetskette und zur Mesusa sind erprobt in Klasse 5 und 6, sowie in unterschiedlichen Erwachsenengruppen.

 

Die Sequenzen wurden bereits veröffentlicht in: Mitteilungen RU – Religionen entdecken, Heft 1/2014, Kiel